„Oh mein Gott, nicht schon wieder!“,

denkt man sich gleich beim ersten Satz. Natürlich wird dort wieder einmal hemmungslos und animalisch gefickt. Ein weicheres Wort zu verwenden, wäre der Situation unangemessen. Und nicht nur das. Dort wo auf sehr schwitzige Art und Weise der Reproduktionstrieb ausgelebt wird, da setzt der Autor dem ganzen noch die Krone auf: Hier ficken Bruder und Schwester. Verzeihung ich meinte natürlich Bruder und Schwesterchen. Schließlich braucht man noch eine emotionale Verbindung zu diesem Fleischberg mit Haaren. Warum dann nicht ein Wort wählen, das so kitschig anmutet, als würde dort der große Bruder sich wirklich um seine kleine Schwester sorgen.

Na gut, wollen wir mal nicht ungerecht sein. Ganz so hart (‚hart‘: ihr versteht) ist es dann doch nicht. Irgendwo liebt er seine Schwester schließlich doch. Auch wenn er sich eigentlich gar nicht so richtig erinnern kann, wie sie alle in die Situation kamen. Alles was er weiß, ist, dass Vater ihnen von einer großen Bombe erzählt hat und dass sie fliehen mussten. Irgendwie kamen sie in dieses Haus. Hier fanden sie zunächst Vorräte, aber ihr sorgloser Umgang und die Hoffnung auf Rettung brachten sie bald in eine schwierige Lage. Woher etwas zu essen nehmen? Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Und eigentlich fängt dann das ganze Grauen an.

Was gerade jetzt passiert

Nachdem der Leser also die eingängige Sexszene überwunden hat und das grundlegende Szenario dargelegt worden ist, beginnt nun der Kampf unser Protagonisten um das blanke Überleben. Nach einer erfolglosen Tour nach draußen – wobei Vater und Sohn fast seltsamen, menschenähnlichen Wesen zum Opfer gefallen wären –  macht sich der Sohn noch einmal allein auf dem Weg. Er begegnet tatsächlich einem anderen normalen Menschen, bringt ihn „nach Hause“ und schlägt ihm kurzerhand den Kopf ab. Naja es handelt sich hier um ein FESTA Buch und die Leute haben Hunger, es ist doch  klar, worauf das Ganze hinausläuft. Was habt ihr anderes erwartet?  Anfangs beutelt alle noch das schlechte Gewissen, am Ende ist es nur noch der Sohn, der sich Gedanken darüber macht, was sie dort essen und wie sie zu dem gelangen. Außerdem will er seine Schwester beschützen vor seinem Vater, denn er und seine Schwester sind nicht die einzigen, die ihre Triebe ausleben wollen. Als alles eskaliert, flieht er schließlich aus diesem Haus.

Was später passiert

Wir befinden uns erst in der Mitte des Buches, was jedoch folgt, kann ich an dieser Stelle nicht verraten. Was ich verraten möchte und kann, ist, dass alles irgendwie ganz anders wird, als wir es vielleicht erwarten. Viele solcher Geschichten sind geradlinig, voller Brutalität, Sex und Gewalt und als Leser dieses Genres hat man gewisse Vorstellungen. Wie geht die Geschichte weiter? Worin gipfelte das alles?
Aber diese Vorstellungen werden hier komplett auf den Kopf gestellt. Inhaltlich möchte ich nicht mehr sagen.

Mich hat das Ganze sehr überrascht. Ich habe tatsächlich nicht damit gerechnet. Vielleicht gerade deshalb sticht für mich – zumindest ein wenig-  dieses Buch aus allen anderen Extrem-Bänden heraus. Ich möchte es nicht auf eine Stufe mit SEIN SCHMERZ stellen, aber von der Bewertung her befindet es sich durchaus im oberen Drittel. Die Sprache ist gewohnt einfach, so dass man das Buch auch in einem Rutsch durchlesen könnte. Aber eine hochgestochen Sprache erwartet man hier auch gar nicht. Schließlich steht nicht H.P.Lovecraft auf dem Umschlag. Dass der Bruder seine Schwester dauernd „Schwesterchen“ nennt, mag für den einen oder anderen ok sein, mich hat die dauernde Verwendung des Kosenamens eher genervt. Es passt nicht so richtig in die Situation, gerade dann als die beiden beginnen, ihren sexuellen Trieb miteinander auszuleben.

Im Grunde ist es nur die Wendung des Romans, die das Besondere an dieser Geschichte ausmacht, neben den stringenten Erzählungen und voraussehbaren Handlungen anderer Festa extrem Bände. Diese sind zwar geschmückt mit spontanen Gewaltausbrüchen, aber da der Leser bereits genau dies erwartet, ist noch so jede spontane oder unerwartete Gewalt in diesen Büchern eigentlich keine wirkliche Überraschung mehr. Deshalb bin ich froh, dass der Autor den Kniff in seine Geschichte eingebaut hat. Das hat mich wirklich überrascht und trägt letztendlich zu meiner abschließenden Bewertung bei.


4/5