Der Vater, der überlebte

19 Jahre sind vergangen, seit Harry Potter den dunklen Lord Voldemort bei der Schlacht von Hogwarts besiegt hat. 19 Jahre sind eine lange Zeit und in dieser Zeit ist er nicht nur älter, sondern auch zweifacher Vater und Minister für Strafverfolgung geworden. Nun ist es an der Zeit, dass sein jüngster Sohn, Albus Severus Potter, nach Hogwarts kommt. Dieser wird prompt vom sprechenden Hut in das Haus Slytherin gesetzt. Dort freundet er sich schnell mit Scorpius Malfoy an. Dracos Sohn dem nachgesagt wird, in Wahrheit der Sohn des dunklen Lords selbst zu sein. So sind die beiden Außenseiter bald unzertrennlich. Albus emfremdet sich dabei immer mehr von seinem Vater und als er eines Tages die Gelegenheit bekommt, einen der Fehler des „großen Harry Potter“ auszumerzen, zögert er nicht lange und zusammen mit Scorpius stürzt er sich in ein Abenteuer, dass die gesamte Geschichte auf den Kopf stellt und die gesamte Zaubererwelt bedroht.

Sein oder nicht Sein

Die größte Auffälligkeit des neusten Bandes ist ihre Form. Statt eines klassischen Romans liegt der Text als Theaterskript vor. Das bedeutet eine Aufteilung in Akte und Szenen, einleitender Szenenbeschreibung und klar gefasster Dialoge. Trotzdem entsteht nach kurzer Eingewöhnungszeit ein guter Lesefluss, was zuletzt nicht daran liegt, dass die Dialoge recht leicht sind und schnell klar ist, wer mit wem kommuniziert. Dadurch ist andererseits das Buch noch kürzer als die Seitenzahl vermuten lässt. Schnell ist man schon am Ende. Es ist rasant und es gibt keine Leerläufe in der Geschichte. Alles ist auf Handlung und Progression ausgelegt. Vom Umfang der Ereignisse steht es dennoch keinem der Originalbücher nach. Wenn überhaupt, kann man der Geschichte vorwerfen, dass sie zu viel Handlung verpacken wollte.

Das Spiel mit der Zeit

Einen Großteil der Handlung bezieht das Buch ab Akt 2 auf den Einsatz eines modifizierten Zeitumkehrers, mit dem man mehrere Jahre durch die Zeit reisen kann. Dadurch entsteht eine Handlung, die einen stark an Zurück in die Zukunft erinnert. Die Protagonisten wollen eine Sache ändern und das Ergebnis ist vollkommen anders und meist schlechter. Dann eine weitere Zeitreise und noch eine und so weiter. Nur dadurch lebt das Buch und man kommt nicht umhin, alles schon irgendwo in dieser Art gelesen zu haben. Etwas mehr Mut zu Neuem wäre schön gewesen, dennoch unterhält der Plot die gesamte Zeit über.

Fanservice und alte… Tugenden

Die meiste Zeit über kommt das Buch ohne den berüchtigten Fanservice aus. Doch gerade zum Ende werden leider einige Charaktere zurückgeholt, die durch ihr Handeln vollkommen entmystifiziert werden. Plötzlich wird ihre gesamte Motivation, die sie in den Originalwerken angetrieben hat, dem Leser unter die Nase gerieben, wodurch man eher von den Abschnitten genervt ist. Das bloße Auftauchen ist dabei gar nicht schlimm, doch wäre ein Erscheinen in Form eines kurzen Cameos besser gewesen.
Was einen ebenfalls an die alten Bücher erinnert: Der selbstmitleidige Protagonist. Albus ist wie sein Vater ein egozentrischer, durchschnittlich begabter Charakter, der ständig nur die Gunst seines alten Herren sucht.(Übrigens eine Szene wo ich wirklich lachen musste: Harry sagt Albus, dass James (der ältere Spross) ja alles in den Schoß gelegt bekommt, nicht wie er damals … Ja Harry, denn das ganze Gold, der Besen, der Umhang, der zweite Besen und und und, das hast du nur durch Blut, Schweiß und Tränen erlangt, komm mal klar).

Potter pfui, Malfoy hui, Weasley.. naja

Viel interessanter und vor allem sympatischer ist Scorpius Malfoy. Er ist warmherzig, intelligent und immer um andere besorgt. So ist es nicht verwunderlich, dass der Teil des Buches, der nur ihn als Protagonisten beinhaltet, der angenehmste ist. Er ist dabei kein Superheld, sondern leidet unter seiner Diskriminierung und seinem Erbe, aber er reitet nicht darauf rum, sondern will nur Albus helfen. So wünscht man sich oft, dass er im Rampenlicht stünde.
Andere Charaktere wie Harry, Hermine, Ron und Draco wurden dann leider auf ihre ausgeprägteste Charakteristik gestutzt. Harry tut sich wieder selber leid, Hermine, als Magier-Ministerin, ist auf Ordnung und Disziplin aus, Ron wird als totaler Volltrottel dargestellt und Malfoy prügelt sich weiter mit Harry rum. Somit bleiben alle Nebencharaktere blass und einfach Statisten.

Gemischte Gefühle

Ist es jetzt ein gutes Buch? Die Geschichte unterhält, ist jedoch nicht innovativ und die Dialoge sind flüssig und meistens mit Witz gespickt, so dass es Spaß macht, sie zu lesen. Die Charaktere sind meist blass und platt dargestellt, so dass es schwer fällt, mit manchen zu sympathisieren. Die neu eingeführten Personen besitzen trotzdem genug eigenen Charakter um keine Abziehbilder alter Figuren zu sein. Am Ende muss es jeder für sich entscheiden, aber ein totaler Reinfall ist es nicht, jedoch auch kein Meisterwerk. Es ist seicht, es ist interessant und einen Blick wert.

 

 

Gastrezension von Max


3.5/5